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Atelierbesuch bei Anselm Reyle

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Berlin ist eine Stadt, die fast so viele KünstlerInnen beherbergt, wie Bäume. Nur sehr wenige allerdings schaffen es, sich mit ihrer Kunst über Wasser zu halten. Die absolute Ausnahme ist ein Künstler wie Anselm Reyle. In seinem Atelierbetrieb beschäftigt er zahlreiche Angestellte und freie MitarbeiterInnen (zurzeit über 20), die sich mit ihrer eigenen Kunst nicht ernähren können.

In der Kreuzberger Fabriketage geht es geschäftig und professionell zu. Der Künstler selbst ist noch irgendwo im Gebäude unterwegs. Wir sind in der 2. Etage, wo es Kaffee gibt an einem großen, ovalen Tisch. Dazu einen Büroraum mit etlichen Arbeitsplätzen, eine Tischlerei und ein veritables Atelier, in dem gemalt wird. Überall arbeiten Leuten, die gute Laune ausstrahlen. Wir werden vorgestellt und freundlich gegrüßt. Ob wir Fotos machen dürfen, da sind sich die beiden jungen Frauen Trixi und Ursula nicht sicher – zum Glück kommt just in diesem Moment der Künstler, der Mensch, auf den sich in diesen Hallen alles ausrichtet wie die Metallspäne am Magneten: Anselm Reyle. Der lächelt und willigt sofort ein sich zwischen Goldfolien und Farbstellagen ablichten zu lassen.

Anselm Reyle ist ein Künstler, der international eine große Rolle spielt. Der junge Mann – noch keine 40 – hat schon sehr viel erreicht. Vor einigen Jahren war er bei der „Art Basel“, der wichtigsten Kunstmesse weltweit, zu einer Einzelpräsentation eingeladen, eine Würdigung, die nur wenigen Künstlern überhaupt zu teil wird und die auch die Besten höchstens einmal im Leben erfahren. Vergangenen Herbst fand eine erfolgreiche Verkaufsausstellung in der renommiertesten Galerie der Welt statt, der „Gagosian Gallery“ in New York. Einflussreiche Sammler nennen Werke von Reyle ihr Eigentum. All das sieht man ihm nicht an. Er ist freundlich und einnehmend, zugewandt und aufmerksam.

Später sitzen wir in der Bibliothek und er erzählt, dass es nicht sein Kindheitswunsch war, Künstler zu werden. Viel mehr als alles andere interessierte ihn die Musik, er spielte in Bands. Dass er schließlich Kunst studierte, war die Idee seiner Mutter, die selbst Künstlerin ist. Nachdem er die Schule nach mehreren Anläufen abgebrochen und auch die Landschaftsgärtnerlehre geschmissen hatte, schlug sie ihm vor, es doch mit einem Kunststudium zu versuchen. Ohne Abitur machte er die Begabtenprüfung und studierte schließlich an der für Medienorientierung bekannten „Karlsruher Kunsthochschule“, die ihm endlich die Freiheit bot, die er brauchte. Weder Zeichnen noch Malen war Pflicht. Das kann er bis heute nicht richtig, sagt er. Wie er mit einer so ausgeprägten Lehrerphobie selbst als Professor an der Hamburger Hochschule tätig sein kann?

Da er sich sehr genau erinnert, was ihn so enerviert hat an seinen Lehrern, weiß er einfach, was er vermeiden will. Wichtig ist es ihm, auf die Studierenden individuell einzugehen, seine Erfahrungen mit ihnen zu teilen, auch seine privaten, transparent zu machen, wie er arbeitet, wo er seine Inspirationsquellen findet.

L‘art pour l‘art
Eine seiner Stärken ist die emotionale Reaktion auf Vorhandenes, daher hat er sich mit der Produktionssituation dieses Ateliers das ideale Umfeld geschaffen. Anselm Reyle mag es, mit Leuten zu arbeiten, weil dann schon etwas da ist, auf das er reagieren, in das er eingreifen, das er entwickeln oder manipulieren kann. Auch baut er gerne Fundstücke in seine Werke ein. Dinge, auf die er beim ersten Entdecken emotional reagiert, die spontan mit einer anderen Oberfläche oder sonst wie verfremdet vor seinem inneren Auge auftauchen. Er sieht vor sich eine andere Farbe, andere Beschaffenheit, verschiedene Materialien oder eine andere Dimension. Interessant findet er es, Dinge, die als schlechter Geschmack gelten können, in einen musealen Zusammenhang zu stellen. Keine Frage, Reyle mag es schrill.

Eine politische Aussage, die über die Reflexion der Gesellschaft hinausgeht, hält der Künstler in dem Segment des Marktes, in dem er sich bewegt, für fehl am Platz. Armut abzulichten und dann mit einem linkspolitischen Statement in einer Nobelgalerie zu präsentieren, geht in seinen Augen nicht zusammen.

Werkschau in Tübingen
Das Repertoire der Werke aus Anselm Reyles Atelier deckt ein weites Feld von Stilen, Formen und Ansätzen ab. Zur großen Werkschau in der „Tübinger Kunsthalle“, die im Januar zu Ende ging, war neben einem pinkfarbenen Original-Heuwagen ein Haufen farbiges Neonglas zu sehen. Es gab ein goldenes Wegekreuz auf einem polierten Stein, Material-Assemblagen, Folien-Faltenbilder in Plexiglaskästen und gestische Bildwerke aus Black-Earth-Paste, teilweise lackiert. Auch ein geschweißter „Leuchter“ im Punkstil wie aus einem Keller der „Tacheles“-Szene war ausgestellt – mit seinem changierenden LED-Licht, das ihn mit wechselnden Farben zu übergießen scheint, ein echter Stopper. Der Bezug zum mit Perlmutt-Autolack überzogenen zentralen Black-Earth-Bildwerk ist offensichtlich, das ebenfalls vielfarbig schillert und sich auf keinen Ton festlegen lässt.

Die Räume der Kunsthalle hat Reyle zu allem Überfluss mit schwarzer Lackfolie betackern lassen, die Decke wurde abgehängt, der Boden mit allerhand Teppichen ausgelegt, darunter Tierfellimitate. Dies alles schluckte das Licht und bewirkte einen Höhlen- oder Discoeffekt. Eigentlich fehlte da nur die Musik. Tatsächlich, sagt Anselm Reyle, wurde das Ambiente der Betonklotzarchitektur der „Tübinger Kunsthalle“, die 1971 erbaut wurde, noch für keine Ausstellung zuvor je verändert. Da musste erst dieser Sohn der Stadt kommen, um dem Publikum eine Sensation zu bieten!

Reyle jongliert mit den Möglichkeiten von Bild, Skulptur und was man sich dazwischen vorstellen kann. Zitate und Bezüge in die Moderne sind zahlreich. „Black-Earth“ heißt ein Material, das heutzutage eimerweise fertig gemischt in Künstlerbedarfsläden zur Angebotspalette gehört. Zu Tapies‘ Zeit der informellen Malerei in den 50ern war es Teil des kreativen Aktes, dass der Künstler sich die klebrige Sandmasse selbst anrührte, mit der er seine Bildwerke schuf. Durch Benutzung von Black-Earth thematisiert Anselm Reyle die Fertigproduktmentalität, die einen Teil der Kreativität (vor)wegnimmt, gewissermaßen Instant-Kreativität verspricht.

Perspektiven
Das Jahr 2010 ist für Reyle schon komplett ausgebucht. Der Zirkus geht von Belgien Ende Februar über Tokio im April, Des Moines, Iowa (USA) im Sommer, Paris im Herbst nach Los Angelos gegen Ende des Jahres. Solch ein Terminplan sieht nach Stress aus, aber Anselm Reyle freut sich auch. Bis vor fünf Jahren wusste er gar nicht, was Erfolg ist, sagt er.

Wie fragil so eine Geschichte sein kann, hat ihm in den letzten Monaten auch gedämmert. Der Kunstmarkt ist vor allem kapitalistisch organisiert, da ist es klar, dass eine Krise der Wirtschaft sich massiv auf die Preise auswirkt. Im Nachhinein klar, denn vorhergesehen hat er das nicht, dass Sammler plötzlich den Geldhahn zugedreht haben. Eine bittere Erkenntnis der drohenden Pleite zwang ihn dazu, Leute zu entlassen. Immerhin ist er nun um eine Erfahrung reicher. Und momentan sieht es so aus, als haben sich Wirtschaft und Markt beruhigt. Auch für 2011 hat er schon Pläne.
Lou

Werke von Anselm Reyle gibt es in Berlin in der
„Boros“-Sammlung in der Reinhardtstraße 20 zu sehen.

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