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Anders Levermann studierte in Marburg und Kiel Physik und hat am Weizmann Institut in Israel in theoretischer Physik promoviert. Danach ging er als Post-doc ans PIK und ist dann dort 2007 im Alter von 34 Jahren Professor für die Dynamik des Klimasystems geworden. Marcel Nakoinz sprach mit ihm für den strassenfeger über düstere Zukunftsprognosen und wie man ihnen entgegenwirkt.strassenfeger: Herr Levermann – Ihr Institut beschäftigt sich mit der Klimafolgenforschung. Sie sind naturwissenschaftlich orientiert, doch widmen sich auch sozialwissenschaftlichen Themen. Wo sind die Schwerpunkte Ihres wissenschaftlichen Auftrages angesiedelt und wer bestimmt die Ausrichtung Ihrer Forschung. Wer finanziert diese Tätigkeit?Anders Levermann: Das Potsdam-Institut forscht an allen Aspekten des Klimawandels. Dies reicht von den wissenschaftlichen Grundlagen bis hin zu den sozialen Folgen einer Erderwärmung. Das Institut wird zum Großteil von staatlichen Stellen finanziert – vor allem vom Land Brandenburg und dem Bund, aber auch Forschungsförderungsinstitutionen wie der Deutschen Forschungsgesellschaft. Ein kleinerer Teil kommt aus der Industrie.
sf: Wie finster müssen Zukunftsprognosen heute tatsächlich ausfallen? Welche Vorhersagen über den Klimawandel sind faktisch zu belegen und welche sind schlicht Panikmache? Welche methodischen Ansätze verfolgen Sie?A. L.: Es ist wissenschaftlich seit Langem unbestritten, dass der Mensch das Klima verändert. Bei weiterem Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid und Methan wird die Erwärmung weiter gehen. Was wir bisher beobachtet haben, ist nur der Anfang. Für diese Aussage brauchen wir keine Klimamodelle. Das folgt aus physikalischen Grundgesetzen. Die Methodik der Klimaforschung ist recht vielfältig. Wir benutzen Beobachtungsdaten aus direkten Messungen, aber auch aus Bohrkernen um das Klima der Vergangenheit zu verstehen. Auf dieser Grundlage, vor allem aber anhand von physikalischen Grundgesetzen erstellen wir Modelle, mit der wir die Vergangenheit ‚nachrechnen’ können. Manche Szenarien sind in der Tat sehr düster und das zu Recht. Meiner Meinung nach kann sich die Gesellschaft an einen ungebremsten Klimawandel, wie er derzeit gerade erst beginnt, nicht anpassen. In einem Szenario, in dem der Anstieg des Ausstoßes von Treibhausgasen bis zum Jahr 2100 und darüber hinaus so bleibt, wie er derzeit ist, würden wir uns Katastrophen gegenübersehen, die ein Leben wie wir es derzeit in Europa genießen, nicht mehr erlauben.
sf: Können Sie unseren Leserinnen und Lesern eine ungefähre Vorstellung davon vermitteln, wie sich unsere Biosphäre, speziell hier in Deutschland, in einhundert Jahren verändert haben wird, wenn die Entwicklungen derart voranschreiten, wie sie es zurzeit tun? Auch hinsichtlich der sozialen Wandelungen, mit denen sich Ihr Institut ebenfalls beschäftigt. Kehren wir zum Kannibalismus zurück, weil uns die bisherigen Grundlagen der Lebensweise wegbrechen?A. L.: Meine persönliche Meinung ist, dass sowohl unsere Demokratie als auch unser Wirtschafts- und Rechtssystem zusammenbrechen wird, wenn der Klimawandel so weiter voranschreitet, wie es derzeit aussieht.
sf: Was müsste politisch (lokal, regional, international, global) angegangen werden, um den Klimawandel noch in den Griff zu bekommen? Zu stoppen ist er ja wohl nicht mehr?A. L.: Wir beobachten schon jetzt eine Erwärmung des Klimas. Um die größten Gefahren zu vermeiden, sollte diese Erwärmung unter zwei Grad bleiben. Hierzu müsste der Ausstoß von Treibhausgasen global auf die Hälfte des Wertes von 1990 reduziert werden. Bisher steigen die Emissionen aber praktisch Jahr für Jahr weiter an. Selbst die derzeitige Wirtschaftskrise hat den Ausstoß nur unwesentlich reduziert. Wir müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre die Umkehr in eine kohlenstofffreie Energieversorgung einleiten und dann bis zum Ende des Jahrhunderts Energie praktisch ohne Verbrennung von Öl, Kohle und Gas produzieren.
sf: Als wissenschaftliche Einrichtung, die der Bundesregierung mit Herrn Schellnhuber direkt beratend zur Seite steht, haben Sie der deutschen Politik, nach dem Debakel von Kopenhagen, welche Handlungsanweisungen ans Herz gelegt? Was soll geschehen, wenn 2012 Kyoto ausläuft?A. L.: Es führt kein Weg zurück. Es gibt keine Alternative zur Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Der europäische Emissionshandel muss global erweitert werden und auf alle relevanten Wirtschaftszweige ausgeweitet werden. Dann muss in weiteren internationalen Verhandlungen dieses Instrument für langfristige Reduktionsziele benutzt werden. Dann hat die Wirtschaft die Möglichkeit Strategien zu entwickeln die wirtschaftliche Entwicklung mit Klimaschutz vereint.
sf: Einige Forscher behaupten, dass der CO²-Ausstoß, der von unserer Produktionsweise verschuldet ist, nur einen kleinen Teil der globalen Belastung ausmacht. Zum Beispiel soll die Wasserverdunstung der Ozeane wesentlich mehr zur Klimaerwärmung beitragen, als bisher bedacht. Damit ließe sich der Klimawandel von uns gar nicht aufhalten. Wir hätten es also mit einem natürlichen Phänomen zu tun, wie sie schon vorher periodisch in der Erdgeschichte auftraten. Was sagen Ihre Forschungsergebnisse dazu aus?A. L.: Die vom Menschen verursachte direkte Erwärmung führt zu allerlei Rückkopplungen im Klimasystem, die die Erwärmung verstärken. Dazu gehört auch die Zunahme des Wasserdampfgehalts der Atmosphäre. Dieser Wasserdampf ist ein zusätzliches Treibhausgas und erwärmt die Erde weiter. Würde die anthropogene Erwärmung verringert, dann würde aber auch diese Verstärkung zurückgehen. Man kann es drehen, wie man will, der Mensch steht im Zentrum der Veränderungen.
sf: Wenn die Menschen als Verursacher des Klimawandels angesehen werden müssen – sind nicht die Ziele, die im Kyoto-Protokoll festgeschrieben wurden, erschreckend niedrig angesetzt?A. L.: Das Kyoto-Protokoll war nicht mehr als ein Anfang. Wollen wir unterhalb einer globalen Erwärmung von zwei Grad bleiben, so müssen wir den Kohlendioxidausstoß global reduzieren. Wenn wir hiermit noch zehn Jahre warten, dann brauchen wir ab dann jedes Jahr ein Kyoto-Protokoll. Die Anstrengungen, die vor uns liegen, gehen wesentlich über dieses hinaus.
sf: Der Theorie der globalen Verdunkelung zufolge würde ein saubererer Planet die Erderwärmung noch beschleunigen. Wäre eine Umsetzung der grüneren Lebensweise überhaupt wünschenswert?A. L.: Derzeit verschleiert die Luftverschmutzung die bereits verursachte Erwärmung. Eine Reinigung der Luft würde zu fast einem zusätzlichen Grad Erwärmung führen. Dennoch müssen wir diese Reinigung aus einer Reihe von Gründen, vor allem aus gesundheitlichen, global erreichen.
sf: Angesichts der anzunehmenden Veränderungen: Können Sie als Klimafolgenforscher Tipps ausgeben, wohin wir umsiedeln müssen, wenn wir nicht zu stark betroffen sein wollen? Bleiben Sie in Potsdam? Oder welche Pläne haben Sie für Ihre Familie? Und welche Zeiträume fassen Sie ins Auge?A. L.: Die Veränderungen, die wir in Europa erwarten sind, wesentlich weniger drastisch als in den meisten anderen Regionen. In einer globalisierten Welt kann sich aber auf lange Sicht sicher niemand in einer Festung verstecken.
sf: Vielen Dank für das Gespräch Herr Levermann