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KORREKT, KRITISCH, ANARCHISCH

Akademie-Präsident Klaus Staeck im  Pressegespräch zur Ausstellu
Akademie-Präsident Klaus Staeck im Pressegespräch zur Ausstellung
Es ist wohl das Größte, was ein Künstler leisten kann: das Gesicht seiner Zeit zu erfassen, indem er penibel die Gesichter seiner Zeit beobachtet und sie zu dem Archetypen verdichtet, der auch heute noch den Nachgeborenen als die idealtypische Ikonografie der 1920er Jahre des vorigen Jahrhunderts erscheint. George Grosz (1893 -1959) hat das geleistet.

Des Künstlers Handwerkszeug
Mit der Ausstellung „George Grosz. Korrekt und anarchisch“ hat am 24. Januar 2010 die „Akademie der Künste“ in Berlin ihre Arbeit im laufenden Jahr begonnen. Damit ehrt sie zum zweiten Mal ihr außerordentliches Mitglied, nachdem bereits 1962 eine George-Grosz-Retrospektive in den Räumlichkeiten der Akademie am Hanseatenweg 10 zu sehen war. Über 500 Objekte, die aus dem Besitz ihres Archivs stammen, werden gegenwärtig in den drei Sälen der Akademie am Pariser Platz 4 gezeigt. Erstmals sind nahezu alle der 207 Skizzenbücher zu sehen, die das wichtigste Handwerkszeug des Künstlers waren und die er immer mit sich trug. Ebenfalls eine Premiere sind die 23 Porträtstudien zu Max Herrmann-Neisse sowie die collagierten Postkarten, die Grosz nach 1945 seinen Freunden John Heartfield und Paul Westheim sowie seinem Schwager Otto Schmalhausen aus Amerika schrieb. Abgerundet wird das Bild durch Zeichnungen und Mappenwerke aus der Zeit der Weimarer Republik und die wenig bekannten Jugendzeichnungen.

Kunst aus der Kiste
Seinen reichen Schatz an Arbeiten verdankt das Archiv der Akademie der Künste einmal Peter Grosz, dem ältesten Sohn des Künstlers, der die Bestände des amerikanischen Archivs nach Berlin brachte, sowie einem sensationellen Fund. 1984 wurde im Kohlenkeller des Hauses am Savignyplatz 5 eine Kiste gefunden, die Grosz dort bei seinem Schwager Schmalhausen gelassen hatte, als er 1933 nach Amerika ging. Wie durch ein Wunder waren fast alle Arbeiten in der Kiste unversehrt. Die jetzt in Berlin zehn Wochen lang gezeigten Werke werden auf längere Zeit zum letzten Mal dem Publikum zugänglich sein. Aus konservatorischen Gründen vertragen sie kaum noch eine längere Lichtexposition und reisefähig sind sie schon gar nicht.

Dandys und Dada
Mit den Skizzenbüchern, die der zwölfjährige George Grosz 1905 beginnt und die er bis zum Lebensende emsig fortführt, blickt man in Studien und Skizzen, die sowohl die Fantasie des Künstlers widerspiegeln als auch ein Zeugnis ablegen von den genauen Beobachtungen, mit denen er Haltungen, Typen und Charaktere festhielt, die Dandys, Bildungsbürger und Militärs wie in einer Käfersammlung aufreihte. 1917 erreichte Dada, aus Zürich kommend, Berlin und wurde von der jungen Künstlergeneration begeistert aufgenommen. Für Grosz waren es vor allem Fotomontagen, von ihm „Klebebilder“ genannt, die ihn faszinierten. Zusammen mit John Heartfield hatte er diese Technik erfunden und später erinnerte er sich: „Alle diese seltsamen Gebilde, Klebebilder, Montagen lösten damals eine richtige Schockwirkung auf das Publikum und die öffentliche Meinung aus.“

Beleidigung und Gotteslästerung
George Grosz war zeitlebens ein sozialkritischer Künstler. Seine Gesellschaftskritik führte ihn 1918 in die KPD, in deren Medien er nun zahlreiche seiner Arbeiten veröffentlichte. Eine Reise nach Russland 1923 ließ ihn, sich aber von dieser Partei wieder abwenden. Sein sozialkritisches Engagement litt darunter nicht. Weiterhin zeigte er die Ausschweifungen eines dekadenten Bürgertums, die Klassenunterschiede und die Feinde der Bürgerfreiheit in Kirche, Justiz und Militär. Besonders seine Mappenwerke, die zwischen 1917 und 1928 entstanden, riefen nicht nur Begeisterung hervor, sondern auch die Justiz auf den Plan. Man warf ihm Beleidigung der Reichswehr, Angriffe auf die öffentliche Moral, Verbreitung unzüchtiger Schriften und Gotteslästerung vor. Der „Christus mit Gasmaske“ aus der Mappe „Hintergrund“ beschäftigte die Justiz bis zu seiner Ausreise.

Erfolgreich im Exil
1932 erhielt Grosz ein Angebot, als Gastdozent an der Kunstakademie „The Art Students League“ in New York zu unterrichten, am 12. Januar 1933 verließ er mit seiner Familie endgültig Deutschland und verwirklichte sich so seinen „amerikanischen Traum“, ehe die Nazis nach ihm greifen konnten. In Amerika konnte er an seine Berliner Erfolge anknüpfen, erwarb 1939 die US-Staatsbürgerschaft. 1948 zählte er zu den zehn bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern. 1954 wurde er Mitglied der American „Academy of Arts and Letters“. 1958 wurde George Grosz als außerordentliches Mitglied in die „Akademie der Künste“ in Berlin gewählt, denn Ausländer konnten damals keine ordentliche Mitgliedschaft erwerben. Am 6. Juli 1959 starb er in Berlin.

Erinnerung an die Verantwortung
Mit der Ausstellung „George Grosz. Korrekt und anarchisch“ würdigt die „Akademie der Künste“ nicht nur einen großen Künstler, sondern erinnert auch an die soziale und politische Verantwortung der Kunst in unseren Tagen. Die Kapitalisten haben heute keine dicken Bäuche mehr, Zigarren passen nicht in ihr asketisches Erwerbsweltbild; Politiker mit den Narben ihrer Burschenherrlichkeit sind ebenfalls selten geworden, und Frauen im Hosenanzug sehen auch nicht mehr nuttig aus. Aber sie treiben noch immer ihr böses Spiel.
Manfred Wolff

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