Foto: Autor
|
Im Mai und Juli diesen Jahres befragten Mitarbeiter des Nachbarschaftshauses am Berliner Teutoburger Platz die Anwohner zur aktuellen Situation im Kiez. Wie in vielen Quartieren in Berlin-Mitte und dem benachbarten Prenzlauer Berg beklagen auch die Befragten im Dreieck zwischen Schönhauser Allee, Torstraße und Kastanienallee eine zunehmende Entmischung der Bevölkerung und befürchten, dass der Stadtteil seinen Charakter verliert und wegen immer weiter steigender Mieten und Preise auch durchschnittlich Situierte aus dem Viertel vertrieben werden. Die Gentrifizierung – oder mindestens die Angst vor ihr – scheint Einzug auch in die sanierten Altbauten rund um den Teutoburger Platz zu halten.
Die Wiederaufwertung der InnenstädteGentrifizierung ist die Gegenbewegung zur jahrzehntelangen Suburbanisierung, die bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts kennzeichnend war für die Entwicklung der Städte nicht nur in Deutschland. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre drängen bürgerliche Schichten und mit ihnen das Kapital verstärkt wieder zurück in die lange ökonomisch untergenutzten und oft baulich vernachlässigten Innenstädte. Eine rasante Aufwertung innerstädtischer Wohngebiete und ein weitgehender Austausch der dortigen Bevölkerung sind die Folgen. Lassen sich diese Prozesse in vielen Städten Deutschlands beobachten, hat die Entwicklung im Ostteil Berlins aufgrund der besonderen Geschichte der Stadt eine ganz eigene Dynamik entwickelt.
Alles soll so bleiben, wie es schon lange nicht mehr istIn Berlin entzündet sich im Moment heftiger Protest an den luxuriösen Wohnbauprojekten, die seit Mitte des Nullerjahrzehnts die Baulücken vor allem der östlichen Innenstadtbezirke füllen. Zu Recht wird kritisiert, dass die verstärkte Bebauung mit teuren Eigentumswohnungen zu einem Anstieg des Mietniveaus im gesamten Viertel führe und der schlagartige Zuzug einer Vielzahl von wohlhabenden Menschen die Sozialstruktur eines Quartiers tiefgreifend verändere. Bemerkenswert ist, dass gerade jetzt so vehement auf diese Sachverhalte hingewiesen wird. Denn die betreffenden Stadtteile unterliegen schon seit Jahrzehnten immer neuen und nicht minder tiefgreifenden Veränderungen. Günstiger Wohnraum findet sich in Berlin-Mitte oder Prenzlauer Berg schon seit Jahren nicht mehr in nennenswertem Umfang. Und Kieze wie diejenigen rund um den Teutoburger Platz, um den Arkonaplatz, den Kollwitzplatz oder den Helmholtzplatz sind – wenn sie es denn jemals waren – schon lange nicht mehr die sozial durchmischten Quartiere, als die man sie gerne sehen würde.
Wer dominiert den Kiez?Die Sozialstruktur in den einschlägigen Bezirken wird längst dominiert von einer westlich geprägten, bürgerlichen Mittelschicht, gutausgebildeten, berufstätigen Frauen und Männern im Alter zwischen 30 und 45 Jahren, die nicht etwa eben erst in die Quartiere gezogen sind. Die meisten von ihnen sind schon vor fünf, acht oder zwölf Jahren als Studenten, junge Akademiker, Künstler oder Medienschaffende vor allem aus Westdeutschland wegen der günstigen Mieten und Ausgehmöglichkeiten hierher gekommen und haben sich parallel zur Sanierung der Straßenzüge in ihren Berufen und meist auch in klassischen Paarbeziehungen inklusive Kindern etabliert. Damit haben sie als Gentrifizierer der ersten Generation nicht nur ein neues soziales Milieu geschaffen und andere Gruppen verdrängt. Sie haben von innen heraus eine Aufwärtsentwicklung angestoßen, von deren Dynamik sie nun überholt werden.
Der Kampf ums kleine Glück inmitten der StadtTatsächlich ist es mittlerweile selbst für diese Mittelschicht schwer geworden, in ‚ihren’ Quartieren bezahlbare Wohnungen zu finden. Um die weiteren sozio-demografischen Veränderungen in ihrer Nachbarschaft entscheidend mitzubestimmen oder von diesen zu profitieren, fehlen ihnen schlichtweg die finanziellen Mittel. Nur wenige können sich beispielsweise in eine Baugruppe einkaufen, um dort ihren Traum vom kleinen Glück auf der grünen Dachterrasse zu verwirklichen. Doch haben die Gentrifizierer der ersten Generation noch einen Trumpf im Ärmel und setzen gegen das große Geld der zweiten Gentrifizierungswelle ihr schichtenspezifisches Kapital ein, nämlich die Fähigkeit zur Artikulation von Interessen und Mobilisierung von Protest. Dass sich der Protest gegen eine letztlich selbstverursachte Entwicklung richtet und die Verteidigung des Status quo einer bürgerlich geprägten Lebenswelt den eigenen Kiez nur umso attraktiver macht für nachdrängende, wohlhabendere Schichten, ist die Ironie der ganzen Geschichte.
Jürgen Haunss