Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Mein ganz persönlicher Luxus

Bei den deutschen Übersetzungen für Luxus findet man häufig an erster oder zweiter Stelle das Wort Verschwendung. Nun möchte ich meine ganz persönliche Verschwendungsgeschichte erzählen.

Foto: Autor
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Ich fühle mich so, als ob ich täglich etwas sehr Kostbares verschwende – etwas, wovon viele träumen. Es handelt sich dabei um das immaterielle Luxusgut „Zeit“. Gerade in den so genannten Leistungsgesellschaften, zu denen sich auch unsere zählt, wird dieses Gut immer knapper. Das betrifft den Top-Manager und die Haushaltshilfe gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Er hat weniger davon, weil er seinen beruflichen Aufgaben und anderen Verpflichtungen nur noch ungenügend nachkommen kann. Sie dagegen muss von Haus A zu Haus B spurten, weil sonst am Ende des Monats nicht ausreichend Geld in der Kasse ist. Halten wir fest: Zeit ist für viele ein knappes Gut und der Preis dafür in der Regel hoch.

Zurück zu mir: Ich bin 26 Jahre alt, habe mein Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium absolviert, danach meinen Zivildienst abgeleistet und anschließend eine sechswöchige Rundreise auf einem Containerschiff von Antwerpen nach Südafrika mitgemacht. Danach absolvierte ich ein dreijähriges duales Studium mit der Fachrichtung Betriebswirtschaftslehre. Während dieser Zeit sammelte ich erste Berufserfahrung, verdiente Lehrlingsgehalt, das Unternehmen zahlte die Studiengebühren, ich bekam einen akademischen Titel und nebenbei legte ich eine Prüfung an der Handelskammer ab. Es schien so, als ob ich wüsste, was ich wollte.

Doch kurzerhand entschloss ich mich, eine einjährige Weltreise einzulegen. Meine Neugierde, die große weite Welt kennenzulernen, und die Affinität zum Abenteuer bewegten mich. Und wann, wenn nicht jetzt?!, so sagte ich mir. Nachdem ich einige Zeit in Großbritannien verbracht hatte, ging es nach Japan, von dort nach Australien und Ozeanien, in die USA, dann nach Mexiko, Guatemala und Belize.

Ich lebte als “Backpacker”, also aus dem Rucksack. In Australien habe ich mich als Handwerker versucht, dann auch als Umzugshelfer und Pflücker, Picker und Packer von Avocados, Zitronen, Melonen, Kürbissen und Süßkartoffeln. Insgesamt hatte ich dennoch sehr viel Zeit, um das Leben zu genießen und über mich und das Dasein im Allgemeinen nachzudenken. Ich fühlte mich einfach frei, ohne jegliche Verpflichtungen. Es kam noch besser: In Mexiko lernte ich eine Mexikanerin kennen, schnell verliebten wir uns und reisten gemeinsam – mit Schmetterlingen im Bauch – durch halb Mittelamerika. Mir erschien das nicht als Luxus im klassischen Sinne. Sondern das war wahrer Luxus!

Auch dieses Reisejahr ging schließlich zu Ende. Tolle Menschen, Eindrücke, Erfahrungen und Einsichten hatten sich in mein Gehirn eingebrannt. Eine Erkenntnis war auch, dass ich nicht den konsequenten Weg, wie ich ihn eingeschlagen hatte, weitergehen konnte bzw. wollte. Nach zwei Monaten in Deutschland flog ich zurück zu meiner Liebe nach Mexiko und blieb ein weiteres Jahr lang bei ihr. Wir arbeiteten als Lehrer, ich illegal als Deutsch-und Englischlehrer für eine private Sprachschule. Wir hatten viel Zeit. Wir reisten auf unbekannten Pfade in Mexiko. Im Sommer ging es zum Beeren-Pflücken auf eine indianische Farm nach Kanada. Dort lebten wir drei Monate lang in einem Zelt auf einer Art Schrottplatz. Nach dem Ende der Ernte flogen wir nach Mexiko zurück. Wir hatten wieder viel Zeit – so viel Zeit, dass ich mich allmählich unwohl fühlte und schließlich allein zurück nach Deutschland flog, um meinen Weg weiterzugehen. Allerdings mit geänderten Lebensvorstellungen.

In Berlin habe ich meine neue Heimat gefunden und hoffe, dass meine mexikanische Liebe bald wieder bei mir ist.

Fazit: Mehr als zwei Jahre lang hatte ich den Luxus, viel Zeit zu haben. Dieses Privileg gehabt zu haben, bedeutet mir sehr viel. Doch auch Luxus kann sich nachteilig auswirken, sofern er über längere Zeit im Überfluss vorhanden ist: Er schlägt auf‘s Gemüt. Was auch die Frage beantwortet, welchen Preis ich für meinen ganz persönlichen Luxus gezahlt habe.
John

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