Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Barfuss im Hörsaal

Im Rahmen der bundesweiten Demonstrationen und Bildungsstreiks an den Universitäten wurde die Freie Universität Berlin von Studenten besetzt, die sich für „freie Bildung für alle“ einsetzen

Foto: Autor
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Seit dem 12.11. haben Studierende ihre Zelte in der FU Berlin aufgeschlagen, um auf eine unverändert miserable Bildungspolitik aufmerksam zu machen. Auf der Vollversammlung am 11.11., zu der zirka 600 Studenten kamen, wurde über die Ereignisse in Österreich gesprochen. Mit diesen sympathisierend, wurde kurzerhand (beinahe einstimmig) beschlossen, den Hörsaal 1A der FU Berlin zu besetzen. So kam es, dass man im Laufe des Tages in der U-Bahn Richtung Krumme Lanke vermehrt junge Menschen mit Schlafsäcken antreffen konnten. Erklärtes Ziel ist es vor allem – hier wie auch an den anderen Universitäten der Hauptstadt und in ganz Deutschland – gemeinsam darüber zu diskutieren, wie man die Lern- und Lehrbedingungen an den (Hoch-)Schulen verbessern kann. Ein Thema, das im politischen Nachwahluniversum viel zu schnell wieder in der Versenkung verschwand.

Standhafte Studenten
Tobias studiert im fünften Semester Informatik und Englisch auf Lehramt (BA) und streikt, weil für ihn das deutsche Bildungssystem tendenziös bestimmte soziale Verhältnisse verfestigt. Im aktuellen Entwurf des Koalitionsvertrages las er erst kürzlich wieder vom unveränderten Projekt der „Bildungskonten“, bei denen Einzahlungen „gefördert“ würden. Das heißt, dass jene, die sich solche Zuzahlungen leisten können, gefördert würden und andere eben nicht. Auch würden Professuren einfach nicht besetzt, Vorlesungen seien überfüllt und oft fehle es in der Lehre an allem – von Kreide bis zu technischen Geräten. Dabei geht es aber nicht nur um das liebe Geld, das natürlich in der Forschung kurzfristig gewinnbringender angelegt ist als in der Lehre. Sondern allgemein wird um langfristig allen zugängliche Strukturen in der Lehre gestritten.

Auch Franziska, die im dritten Semester Islamwissenschaften (BA) studiert, stört es, sich zunehmend in einem Konzern zu befinden, anstatt in einer „freien“ Universität. „Wenn aus einer Universität ein Unternehmen wird, dessen erste Aufgabe es ist, Geld abzuwerfen, ist das einfach falsch“, findet Franziska. Sie und die anderen Besetzer prangern außerdem die Verschulung der Hochschule an, die bachelortypische Gängelung durch vollgepackte Stundenpläne, aber auch fehlende demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten in universitären Gremien und den beschränkten Zugang (finanziell, Leistung) zum Studium.

Mit Schlafpantoffeln in der Uni
Für Tobias und Franziska ist dies die erste richtige Besetzung in ihrem politischen Leben, das sich bisher eher in der Teilnahme an Demonstrationen äußerte. Ob es sich die streikenden Studenten denn leisten können, in ihren vollgepackten Bachelorstudiengängen einfach mitten im Semester ein paar Wochen „blau“ zu machen, will ich wissen.* „Da arrangieren sich die meisten“, verrät Tobias. Man versucht sich eben so gut wie möglich mit den Dozenten zu verständigen, die oft kulant mit den Streikern umgehen und von den vorgeschriebenen Anwesenheitspflichten in den Seminaren absehen. Trotz allem übernachten hier im besetzten Hörsaal der FU Berlin jeden Tag 70 bis 80 der bisher zirka 350 aktiven Studenten. Auf meine Frage, wo in der Universität sie denn duschen könnten, antworten beide grinsend: „Wir haben unsere Wege gefunden.“

Die Studenten sind fest entschlossen, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Wir sind hier nicht zum Spaß. Wir haben vor, auf unbestimmt lange Zeit durchzuhalten“, meint Franziska. Die Reaktionen der Universitätsleitung reichten bisher von Ignoranz, über Toleranz bis hin zum Unterbinden von Filmaufnahmen des Nachrichtensenders N24 bei einem Plenum der Streikenden. Doch die Besetzer debattieren weiter – die meisten gut zehn Stunden am Tag. Freilich lässt sich darüber streiten, wie wirkungsvoll solche Diskussionen und Aktionen am Ende sind, aber wer im Haus der Demokratie sitzt, sollte auch ab und an eine Mauer einreißen dürfen.
Marcel Nakoinz

* Dreimaliges Fehlen im Semester hat in der Regel den Ausschluss aus der jeweiligen Lehrveranstaltung zur Folge.

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