Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Ungarische (Überlebens-)Künstler

Einblicke in das Leben und die Zeitung der Budapester Obdachlosen

Foto: Autorin
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Budapest – Metrostation Ferenc Körút
Der fünfte Bezirk ist vielleicht der eleganteste Stadtteil der ungarischen Hauptstadt. Auf der Touristenmeile rund um die Váci utca reihen sich Nobelboutiquen aneinander und opulent ausgestattete Cafés wie das „Gerbaud” lassen Besucherherzen höher schlagen. Aber die Situation ist nicht für alle so rosig, wie die überladene Fassade glauben machen könnte.
Vor der Unterführung am Ferenc Körút komme ich mit einer Dame ins Gespräch. Sie erzählt, dass sie sich von ihrer kleinen Rente keine Wohnung leisten könne und deshalb auf der Straße lebt. Um ihr Einkommen aufzubessern, verkauft sie die Budapester Obdachlosenzeitung Fedél Nélkül (Ohne Dach). Im Gegensatz zum strassenfeger hat die Fedél Nélkül keinen festen Preis. Die Käufer können selbst entscheiden, wie viel sie bezahlen möchten. Auch inhaltlich unterscheidet sich die Budapester Zeitung von ihrem Berliner Gegenstück. Sie enthält vor allem literarische Texte, in Form von Essays oder Gedichten, und Graphiken. Viele Bleistift- und Tuschzeichnungen, aber auch Gemälde gehören dazu.

Zwei Hauptstädte
Berlin und Budapest sind in mancher Hinsicht vergleichbar. Die vielen noch unsanierten Altbauten, die lebendige kulturelle Szene, die unzähligen Cafés und Kneipen, die alten Kinos... Es gibt sogar ein Café, das in beiden Städten eine Niederlassung gegründet hat: das „Café Szimpla”. Die Dependance in Berlin-Friedrichshain ist dem Thema Ungarn gewidmet, während die Budapester Räumlichkeiten eher dem Berliner Tacheles ähneln. Man könnte es auch so sagen: Wenn Berlin arm, aber sexy ist, dann ist Budapest sehr arm, aber sehr sexy. Trotzdem ist, wie wir wissen, Sexappeal nun mal nicht alles. Kinder, Alte und Kranke profitieren wenig von dieser Art von Attraktivität. Und auch der Lifestyle der Bohème ist nur für diejenigen, die es sich leisten können, ein Vergnügen.

Obdach in der Kürt utca
Ungarn geht es wirtschaftlich nicht besonders gut. Die Erwerbstätigenquote liegt bei lediglich 56 Prozent.1 Zum Vergleich: In Deutschland lag diese Quote im selben Jahr bei 69,4 Prozent.2 Die Auswirkungen der schlechten Arbeitsmarktsituation, des niedrigen Lohnniveaus und des mangelhaften Sozialsystems sind überall spürbar. Es gibt aber auch Orte, an denen versucht wird, dieser Situation entgegen zu wirken.
Einer davon ist das Gebäude mit der Hausnummer 4 in der Kürt utca, einer kleinen Seitenstraße im Herzen des Jüdischen Viertels von Budapest. Über dem Eingang prangt ein großes, altmodisches Schild mit der Aufschrift „Fürdö“ (Bad). Hier befinden sich die Räumlichkeiten der Menhely-Stiftung (Menhely = Schutz, Obdach), die unter anderem eine Wärmestube, eine Beratungsstelle, eine Gepäckaufbewahrung und auch die Redaktion der Fedél Nélkül beherbergt.

Ein Mann – eine Zeitung
Die Entstehung der Zeitung hängt eng mit dem politischen Systemwechsel zusammen. Kurz nach dem Ende der sozialistischen Ära (1948/49-1989) tauchte Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal das Phänomen Obdachlosigkeit auf. Nach und nach entstanden vereinzelte Hilfseinrichtungen, jedoch fand praktisch keine Zusammenarbeit statt. Und auch die obdachlos gewordenen Menschen waren nicht ausreichend über die Unterstützungsmöglichkeiten informiert. Um diesen Mangel auszugleichen, gründete der selbst auf der Straße lebende Tibor Ungi 1993, mit Hilfe der Menhely-Stiftung, die Zeitschrift Fedél Nelkül. Hier berichtete er über die Situation der Obdachlosen.
Nach und nach wurde aus dem A3-Blatt mit seinen vier A4-Seiten das zwölfseitige Magazin mit seiner Auflage zwischen 4.000 und 10.000 Exemplaren. „Die starken Schwankungen hängen mit der in den wärmeren Monaten verfügbaren Saisonarbeit in Landwirtschaft und Tourismusindustrie zusammen. Weniger verfügbare Arbeit bedeutet mehr Verkäufer.“, erklärt Györgyi Boros, eine Mitarbeiterin der Stiftung.

Land der Lyrik
Während in Deutschland die Beschäftigung mit ‚ernsthafter‘ Literatur immer einen elitären Beigeschmack hat, zieht sich die ungarische Anerkennung und Beliebtheit von Prosa und Lyrik durch alle Klassen. So gibt es unzählige Amateurklubs, die sich mit literarischen Texten aus aller Welt beschäftigen, Lesungen organisieren und Selbstgeschriebenes veröffentlichen.
Die Fedél Nélkül hat sich auf besondere Weise der Förderung musischer Talente verschrieben. Jeden Monat zeichnet eine dreiköpfige Jury Obdachlose aus, die ein Werk aus einer der folgenden drei Kategorien eingesandt haben: Prosa, Lyrik oder Graphik. Die Gewinner erhalten ein kleines Preisgeld und ihre Arbeiten werden in einer der nächsten Ausgaben veröffentlicht.

Kunst ist Brot?
Attila, den ich bei meinem Besuch in der Kürt utca antreffe, hat für seine Novelle Bohoc Baba (Clownspuppe) den zweiten Preis bekommen. Der Text erzählt die Lebensgeschichte einer Frau aus der Perspektive ihrer Clownspuppe. Diese Puppe hatte sie als kleines Mädchen geschenkt bekommen und sie zu ihrem ständigen Begleiter erklärt. Doch der Stoffclown muss mit ansehen, wie sich das einstmals fröhliche Mädchen mit den blitzenden Augen mit den Jahren immer mehr zurückzieht und trauriger wird. Aber Attila ist nicht nur Autor, sondern er verkauft die Zeitung auch. Unter den Verkäufern gehört er einer besonderen Gruppe an: dem so genannten ‚gehobenen Kreis der Verkäufer‘. Die Mitglieder dieses Kreises übernehmen nicht nur mehr Verantwortung bei der Organisation des Verkaufs, sondern organisieren für ihre Gruppe auch viele Aktivitäten wie Städtetrips oder ab und an ein Picknick im Grünen. Dieser Gemeinschaftsgeist ist bemerkenswert, denn wie man mir erklärt. sind obdachlose Menschen normalerweise Einzelgänger, die sich eher ungern mit anderen zusammen tun.

Auch Csurika ist eine ‚gehobene Verkäuferin‘. Während wir miteinander reden, ist sie dabei, die Zeitung für 30 Forint (ca. 10 Cent) an die Straßenverkäufer zu verkaufen. Sie stehen schon Schlange. Bevor Csurika die Zeitungen herausgibt, kontrolliert sie, ob auch jeder einen ‚Verkäuferausweis‘ hat. Dieser weist seinen Besitzer als offiziellen Verkäufer der Fedél Nélkül aus und dient unter anderem dazu, den Unterschied zwischen Verkäufer und Bettler kenntlich zu machen. Sehr geschäftig und bestimmt wirkt sie dabei. Doch genau wie Attila, ist Csurika nicht nur Verkäuferin, sondern auch schriftstellerisch aktiv. Ihr erstes Buch, einen Abenteuerroman, hat sie bereits mit 16 Jahren vollendet. Für die Zeitung schreibt sie sowohl Gedichte als auch Kurzgeschichten. Bei den künstlerischen Wettbewerben reicht sie ihre Arbeiten jedoch nicht ein: „Ich möchte das Preisgeld nicht jemandem wegnehmen, der es vielleicht nötiger hat“, erklärt sie.

Lichtblicke
Die Schönen Künste sollen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation der Obdachlosen schwierig ist. Nach dem Ende der sozialistischen Ära fand sehr plötzlich ein regelrechter Ausverkauf des Wohnraums, das sich bisher in der Hand des Staates befunden hatte, statt. Die Häuser wurden zu Schleuderpreisen an den Mann gebracht. Dies hat zur Folge, dass sich heute ca. 85 Prozent aller Gebäude in privater Hand befinden und der Staat kaum noch über Möglichkeiten verfügt, Sozialwohnungen bereitzustellen. Zudem fehlt es ihm an den nötigen finanziellen Mitteln, um den sozialen Wohnungsbau in der erforderlichen Weise voranzutreiben. Selbst kurzfristige Lösungen sind nicht immer ausreichend vorhanden. Notunterkünfte für die Wintermonate – in Ungarn werden sie „fa pad” (Holzbank) genannt – sind oft überfüllt und so bleiben vielen Obdachlosen nur die Unterführungen der Metro als Schlafplatz. Wie prekär die Situation hier wirklich ist, lässt sich schwer beurteilen. Die Zahl der Obdachlosen ist unklar. György Boros meint, je nach Schätzung spreche man von 3.000 bis 5.000 Obdachlosen in Budapest.

Doch ich möchte hier noch von einigen außergewöhnlichen Beispielen berichten, die Hoffnung machen: Györgyi Boros erklärt, dass Obdachlose oft eine Art „persönlichen Gönner“ haben, der sie versorgt. Ein weiterer Lichtblick ist das weit verbreitete „szívességi lakhatás“ (wörtl.: Herzliches Wohnen). Für eine kleine Gegenleistung, zum Beispiel in Form von Hausarbeiten, lässt man einen Obdachlosen bei sich wohnen. Und auch Attila hat eine schöne Geschichte zu erzählen: „Es gibt da ein Pärchen, das regelmäßig die Zeitung bei mir kauft. Sie schicken immer ihre kleine Tochter vor. Damit zeigen sie mir ihr Vertrauen – das ist ein gutes Gefühl.“
Anna Ilin

1 Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren im Jahre 2007, Quelle: Institute of Economics of the Hungarian Academy of Sciences
2 Quelle: Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung

Infos:
http://www.fedelnelkul.hu/
http://www.menhely.hu/


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