Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Wir sind das Lesevolk!

Martin Scharfes virtuelle Bibliothek des gelesenen Worts, ist nicht nur etwas für Bücherliebhaber

Foto: Autor
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Die Idee klingt zunächst simpel: Man stellt Videos ins Netz, aufdenen jedermann aus einem Buch vorlesen kann, das ihm am Herzen liegt. Was aber aus diesem Projekt innerhalb nur zweier Jahre geworden ist, gleicht einem Panoptikum des Volkes in seinem gesamten Spektrum. Einschließlich seiner Lesegewohnheiten. Hier werden in kurzen Videos Leseausschnitte konserviert, die Politiker und Staudengärtnerinnen, Gefangene und Pfarrer, Mensaner und Beton-Experten irgendwie berührt haben.

Ein Mann, ein Buch, eine Idee
Der Mann, der diese Idee verwirklichte, wirkt tiefenentspannt und elektrisierend belesen zugleich. Ein breites Lächeln schmiegt sich in das kantige, von langen strohblonden Haaren gerahmte Gesicht. Martin Scharfe (40) ist gelernter Ingenieur für Verkehrsplanung und bekennende Leseratte. Sein Beruf erfüllte ihn auf lange Sicht nicht. Sein wahres Interesse gilt der Kunst und der Kultur, was sich nun in seinen künstlerischen Projekten ausdrückt. „VolksLesen.tv“ ist so ein Projekt. „Eigentlich war es eine Schnapsidee“, verrät mir Scharfe. Als er vor drei Jahren an einer Kunsthochschule in Zürich arbeitete, brachte ihn eine Freundin dazu, das erste Mal eine Lesung zu halten.

Nun auf den Geschmack gekommen, steckte er eines Morgens um halb drei seine Freunde in einer Kneipe mit seinem Lesefieber an und die Idee war geboren. Seit Anfang 2008 filmt Scharfe alle möglichen Menschen beim Vorlesen aus ihren Lieblingsbüchern. „Dabei ist es verblüffend unvorhersehbar, wer was lesen wird“, resümiert Scharfe. Für sich selbst hat er aus dem Projekt neben einiger Medienaufmerksamkeit in „Deutschlandfunk“ oder „Tagesspiegel“, einer Nominierung für den Grimme-Preis und einer Auszeichnung von „Stiftung Lesen“ und ähnlichem Interesse vor allem gezogen, dass die Menschen entgegen allem, was in den Feuilletons zu lesen ist, doch noch sehr viel lesen: „Seit ich das hier mache, bin ich nicht mehr kulturpessimistisch“, sagt Scharf zuversichtlich lächelnd.

Auch Obdachlose lesen!
Die Zusammenarbeit mit dem strassenfeger ergab sich aus der puren Neugier Scharfes. Schon in der Startphase seines Projekts fragte er gleichzeitig bei einigen Bevölkerungsgruppen an, die er besonders gern vor der Kamera gehabt hätte, weil es ihn einfach interessierte, was Blinde, Feuerwehrmänner und Obdachlose lesen. Nachdem er sein Anliegen auf einer Redaktionssitzung des strassenfeger vortrug, nahm man seine Idee auch sogleich auf und es ergab sich aus der Zusammenarbeit mit einigen vermittelten (ehemaligen) Obdachlosen die erste Sendung auf seiner Internetseite www.volkslesen.tv, die heute zirka 500 Menschen täglich besuchen. In diesen Tagen stellt Scharfe bereits die vierhundertste Sendung online. Langfristig ist das Projekt als Archiv geplant, denn „wenn es das seit 30 Jahren gäbe, könnte man heute in die 80er zurückschauen. Außerdem: Über ihre Texte kommt man sehr nah an die Menschen heran. Auch die, denen es normalerweise schwer fällt, sich zu artikulieren, leihen sich die Worte quasi bei denen, die damit umgehen können, und vermitteln mit ihrer Auswahl trotzdem etwas Persönliches“, erklärt Scharfe. Wir wünschen dieser Arche des vorgelesenen kulturellen Erbes die Resonanz, die es verdient, und viel Erfolg mit den nächsten vierhundert Sendungen!

Wenn Sie Interesse haben, die virtuelle Bibliothek mit einem Auszug aus Ihrem Lieblingsschmöker zu bereichern, können Sie sich jederzeit bei Herrn Scharfe melden, der Sie dann auch gern besuchen kommt: Telefon: 0179-492 09 51 (Di - Do, 14:00 - 17:00 Uhr), E-Mail: info@VolksLesen.tv
Marcel Nakoinz

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