An wen richten sich die Straßenzeitungen, wer soll davon profitieren und vor allem, wer darf diese Zeitungen verkaufen und kann daran verdienen?
Anfang Mai 2008 erreichte den strassenfeger zu diesem Thema eine Anfrage aus der Redaktion des ARD-Magazins KONTRASTE (im Anhang dokumentiert). Gegenstand der Anfrage und der insgesamt 20 Unterfragen war die Beobachtung, dass Menschen nichtdeutscher Herkunft in letzter Zeit verstärkt die Straßenzeitungen verkaufen würden. Der Redakteur schreibt:
"Sie (die Verkäufer, St.S.) sind einem Gespräch ggü. unaufgeschlossen bzw. der deutschen Sprache nicht mächtig und können über den Inhalt ihrer Zeitung, ihre näheren Lebensumstände oder über angestrebte Hilfsprojekte nichts angeben. Oft würde der Verkauf der Straßenzeitung gar nicht versucht, behauptet, man verfüge nur noch über das ‚letzte’ Exemplar, begleitet mit dem Versuch offensiver Bettelei."
Unfreundliche Bettler?
Die hier geschilderten Probleme sind so alt wie die Straßenzeitungen selbst. Es gibt immer wieder Verkaufende, die einem Gespräch aus dem Weg gehen, die über die Zeitung so gut wie nichts wissen, die einigen Unfug über die angeblich aus den Einnahmen finanzierten Projekte erzählen und die tatsächlich neben dem Zeitungsverkauf auch noch mehr oder weniger aufdringlich betteln - obwohl die Verkaufsregeln, die von allen vorab zu akzeptieren und zu unterschreiben sind, das Betteln und andere Verhaltensweisen (Belästigung von Kunden, Gewalt, berauschter Zustand) ausdrücklich ausschließen (siehe http://www.strassenfeger.org/verkaufen/0002/).
Da es im Grunde nicht möglich ist, in einer Millionenstadt wie Berlin durch Kontrollen solche Verhaltensmuster zu unterbinden - es ist auch nicht wirklich schwer, Sanktionen wie Verkaufsperren zu unterlaufen - und der Herausgeber des strassenfegers repressive Maßnahmen nicht gut heißt, kann das Mittel der Wahl nur sein, positiv an jeden einzelnen Verkaufenden zu appellieren, dass letztlich nur freundliches Auftreten langfristige Erfolge bringen kann. Eine tägliche Herausforderung für die MitarbeiterInnen an den Zeitungsausgabestellen.
Für viele Menschen in existenziellen Notlagen ist der Verkauf von Zeitungen oftmals das letzte Mittel, um überhaupt überleben zu können. Staatliche Hilfeleistungen können oft wegen tatsächlicher Hindernisse oder persönlicher Ängste nicht in Anspruch genommen werden. Zu der Wohnungsnot kommen oft weitere große Schwierigkeiten wie Sucht, Schulden, psychische oder gesundheitliche Probleme. Auf der anderen Seite ist der Verkauf von Zeitungen keine einfache Arbeit, und deshalb ist mob - obdachlose machen mobil e.V. immer davon ausgegangen, dass eine tatsächliche Notlage gegeben ist, wenn Menschen sich zu Zeitungsverkauf melden. Und dem entsprechen auch die langjährigen Erfahrungen, die der Verein hat sammeln können: Die Spanne der Motive, eine Zeitung zu verkaufen, beginnt bei dem puren Kampf um das Überleben in der großen Metropole und endet irgendwo dort, wo arme Menschen ihre Lebenssituation haben stabilisieren können, und sich im Rahmen der von den JobCentern gestatteten Freibeträge einen Zuverdienst durch Zeitungsverkauf organisieren.
Die vielen Menschen, die durch den Verkauf der Straßenzeitung eben nicht zu den Mitteln der Beschaffungskriminalität oder Beschaffungsprostitution haben greifen müssen, die vielen Menschen, die durch die Mitarbeit beim strassenfeger tatsächlich ihre Lebenssituation deutlich haben verbessern können (nicht umsonst gibt es zusätzlich bei mob - obdachlose machen mobil e.V. auch noch eine Notübernachtung, einen Treffpunkt Kaffee Bankrott, eine kostenlose und freiwillige Rechts- und Sozialberatung einmal wöchentlich und weiteres mehr), die ungezählten Menschen, die davon haben profitieren können, heben sogenannte negative Begleiterscheinungen - die in der Regel Einzelfälle sind - deutlich auf.
Obdachlosenhilfe nur für Deutsche?
Der Redakteur von KONTRASTE schreibt weiter - mit Blick auf die nichtdeutschen Verkaufenden:
"Wenn diese Beobachtungen zutreffen, könnte dies den sozialen Wert der Straßenzeitungsprojekte, konkrete Hilfe für Obdachlose und ihre Projekte, und die öffentliche Akzeptanz dieser Bemühungen schädigen."
Genau das Gegenteil ist zutreffend. Wohnungsnot und Armut waren schon immer ein gesellschaftliches Problem, das vor Grenzen nicht halt gemacht hat, und von Anfang an waren Menschen nichtdeutscher Herkunft beim strassenfeger selbstverständlich dabei. Im Verlauf der Zeit hat es dazu immer wieder Diskussionen gegeben, und nicht immer war die Integration einfach und unproblematisch. Zu der Sprachbarriere kommen soziale und kulturelle Unterschiede. Auch das vielfach zu beobachtende Phänomen, in einer fremden Umgebung in Gruppen aufzutreten, wirkt auf andere vielfach befremdlich.
Um dem zu begegnen, gibt es einige Instrumente. Das wichtigste ist wohl, die anderen nicht als Gefährdung, sondern als Bereicherung zu verstehen. Eine prinzipielle Offenheit in Verbindung mit dem Angebot, sich verständlich zu machen (Verkaufsregeln gibt es in englisch, französisch, polnisch, russisch, rumänisch) und zu verstehen (Förderung der interkulturellen Kompetenzen innerhalb des Projekts, Pflege und Förderung internationaler Kontakte) ist die Voraussetzung dafür, einen Kontakt herstellen zu können. Und erst auf der Grundlage bestehender Kontakte ist es überhaupt möglich, die anderen auch kritisieren zu können, statt sie pauschal und im Grundsatz zu verurteilen. Dass es auf diesem Gebiet noch viel zu tun gibt und dass mob - obdachlose machen mobil e.V. und der strassenfeger - wie auch andere Angebote und Einrichtungen der Hilfe und Selbsthilfe für Wohnungslose und Arme - hierbei noch weitere Unterstützung brauchen, wird gar nicht bestritten.
Für ein soziales Europa
Ja, auch KONTRASTE hat gemerkt, dass Europa inzwischen größer geworden ist und die Welt insgesamt kleiner. Wenn einige Menschen aus dem armen Osteuropa und anderen Staaten nach Berlin kommen, um es hier zu versuchen, dann oftmals deshalb, weil sie in ihrem Herkunftsland keine Perspektive und keine Chance mehr sehen. Viele wollen gar nicht in Berlin bleiben, sondern sind hier auf einer Durchgangsstation zu Orten in Europa, wo die Jobs und Verdienstmöglichkeiten aussichtsreicher erscheinen. Wieder andere bleiben hier hängen, weil sie die erforderliche Unterstützung für ihre Pläne nicht finden können. Die Menschen machen dann das, was naheliegend ist: Sie suchen nach (legalen) Möglichkeiten, sich aus eigener Kraft zu helfen. Der Verkauf einer Straßenzeitung ist eine davon. Insofern wäre es gleichsam sträflich, wenn eine Straßenzeitung, die ja eine Überlebenshilfe darstellen soll, einer Gruppe von Menschen dieses verweigern würde. Mit anderen Worten, der "soziale Wert" der Straßenzeitung besteht gerade darin, dass auch Menschen aus anderen Ländern diese Zeitung verkaufen und auch die anderen Angebote (Notübernachtung, Treffpunkt und Beratung usw.) nutzen können
Wir sehen in dem Phänomen, dass auch die armen und wohnungslosen Menschen in Berlin immer internationaler werden, die Kehrseite einer europäischen Entwicklung, die nicht so sozial ist, wie sie eigentlich sein sollte. Es gilt, in ganz Europa ein einheitliches Niveau der Unterstützung von Menschen in Notlagen zu entwickeln und soziale Mindeststandards festzulegen. Gegen dieses Ansinnen, das von vielen Organisationen vorgetragen wird, haben sich der Europarat, die Europäische Kommission und auch Teile des Europaparlaments immer wieder gesperrt, aber die Erfahrungen zeigen die Notwendigkeit, auch ein soziales Europa mit einem Grundrecht auf Wohnen und einer auskömmlichen Grundsicherung zu entwickeln.
Ziel von mob - obdachlose machen mobil e.V. und des strassenfegers ist die "Verbesserung der Lebenslage Obdachloser und von Obdachlosigkeit bedrohter Menschen". Dieses Ziel kann ernsthaft nur unabhängig von Herkunft und Nationalität verfolgt werden. Die Redaktion des ARD-Magazins KONTRASTE ist herzlich eingeladen, die vielen Fragen, die es dazu gibt, zusammen mit der strassenfeger-Redaktion zu diskutieren.
Stefan Schneider