Ansehen verleihen
Eine Ausstellung im Arbeitsministerium zeigt Büsten von Obdachlosen
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Sandra Stalinski
8.3.2008 0:00 Uhr
Wenn Jürgen durch die Straßen geht, gucken die meisten Leute lieber
weg. Wer will schon zusehen, wie jemand Flaschen aus Mülleimern fischt.
Wer schaut in der S-Bahn schon hin, wenn einer durch die Waggons läuft
und den "Straßenfeger" anbietet.
Seit gestern ist das anders. Seit gestern steht Jürgen im
Rampenlicht. Sein Kopf, überlebensgroß in Terrakotta gebrannt, ist Teil
einer Ausstellung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, die
gestern eröffnet wurde. Der Künstler Harald Birck hat Jürgen und rund
30 weitere Obdachlose in der City-Station der Berliner Stadtmission
besucht und porträtiert. Das Tagescafé für wohnungslose Menschen in
Charlottenburg-Wilmersdorf wurde zu seinem Atelier. "Am Anfang mussten
wir schon Überzeugungsarbeit leisten, die Leute waren erst mal sehr
skeptisch, was ich da von ihnen will," sagt der in Berlin und Paris
lebende Künstler.
"Auf Augenhöhe. Berliner Obdachlose im Porträt" heißt sein
Projekt. Die Idee dazu kam ihm zusammen mit Ralf Döbbeling, dem Leiter
der City-Sation: "Wir wollten den Leuten eine Erfahrung gönnen, die sie
sonst nie gehabt hätten: Einmal drei Stunden im Blickpunkt eines
Künstlers zu stehen, ihnen damit buchstäblich Ansehen verleihen", sagt
der evangelische Pfarrer Döbbeling. Seitdem ist Harald Birck ständiger
Gast in der City-Station. Er sucht das Gespräch mit seinen Modellen,
sitzt mit ihnen zusammen bei Kaffee und Zigarette. "Mir ist wichtig,
etwas über die Menschen zu erfahren, die ich porträtiere, denn deren
Persönlichkeit soll sich ja in der Skulptur widerspiegeln."
Auch Jürgen war neugierig, als er den Künstler am Porträtkopf
eines Bekannten modellieren sah. "Ich fand das interessant, die Köpfe
waren nicht so glatt geleckt oder aus Marmor, sondern mit Ecken und
Kanten," sagt der schmächtige Mann mit Wollpulli und grünschwarz
karierten Hosen. Er ist einer von rund zehntausend Obdachlosen in
Berlin. Zwar ist er erst Mitte Vierzig, doch sein leicht nach vorne
gebeugter Gang und die Furchen in seinem Gesicht lassen ihn beinahe
zehn Jahre älter wirken. Das Leben auf der Straße hat Spuren
hinterlassen. Wie lange er schon ohne festen Wohnsitz ist, weiß er
selbst nicht mehr genau: "Das war irgendwann zu DDR-Zeiten, nach meiner
Scheidung, das war wohl der Auslöser." Er spricht nicht gern über sich
und seine Situation. Beiläufig nuschelt er etwas in seinen grauen
Rauschebart, von Arbeitslosigkeit, Alkohol und schlechtem Umgang. Das
"Reisefieber" habe ihn eben immer wieder gepackt. Meistens genau dann,
wenn sein Leben gerade in geregelte Bahnen kam, wenn ihm die eigene
Wohnung schon sicher war. "Ich will eigentlich nicht so leben. Aber da
ist so ein innerer Drang, den ich selbst nicht ganz verstehe", sagt er.
Inzwischen gibt es Jürgens Kopf schon zweimal in Harald Bircks
Terrakotta-Sammlung. "Jürgen hat ein tolles Gesicht, das hat so etwas
von einem Seebären oder einem Abenteurer", findet der Künstler, der
sich durch die Zusammenarbeit sogar mit seinem Modell angefreundet hat.
"Harald Birck hat es mit seiner Kunst geschafft, die Leute zu öffnen.
Sie haben ihm Dinge erzählt, die sie mir oder einem Sozialpädagogen nie
anvertraut haben", sagt Pfarrer Döbbeling, der viele der Porträtierten
schon seit Jahren kennt.
Dass sein Kopf jetzt im Bundesministerium zu besichtigen ist,
macht Jürgen stolz. "Das ist schön zu sehen, dass es da jemand fertig
gebracht hat, Kunst aus mir zu machen", sagt er. "Und außerdem ist das
etwas, was fortbesteht, wenn man selbst sich mal in die Kiste gelegt
hat."
Sandra Stalinski
Auf Augenhöhe - Berliner Obdachlose im Porträt. Ausstellung im
Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Kleisthaus, Mauerstraße 53,
10117 Berlin (Mitte), bis 17. April. Montags bis freitags 8 bis 17 Uhr,
Eintritt frei.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2008)
http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,2490640