Durch den Verkauf eines Straßenmagazins verdienen sich Obdachlose einige Euro hinzu. Ein Gespräch mit Marcus Zywietz und Olli
Interview: Frank Brunner
Herr Zywietz, wie viele Exemplare des Strassenfeger haben die Verkäufer heute schon bei Ihnen abgeholt?
Ich
sitze hier seit neun Uhr morgens, also insgesamt sieben Stunden, und
bisher waren es etwa 550 Zeitungen, die ich für 40 Cent pro Stück an
die Straßenverkäufer abgegeben habe. Eigentlich sind das relativ wenig.
Gestern beispielsweise waren wir ausverkauft.
Olli, wie viele Zeitungen werden Sie pro Tag los?
Ich verkaufe nur zehn bis zwölf Stück für jeweils 1,20 Euro - das heißt, ich verdiene pro Zeitung 80 Cent.
Warum können Sie nicht mehr Zeitungen loswerden?
In
den U- oder S-Bahnen könnte ich sicher mehr verkaufen, Aber es liegt
mir nicht so, da reinzugehen und einen flotten Spruch aufzusagen. Ich
verkaufe lieber auf der Straße.
Haben Sie einen festen Platz?
Früher
stand ich hier am Bahnhof Zoo. Doch seit da die Fernzüge nicht mehr
halten, kommen kaum noch Touristen, und daher lohnt es sich in dieser
Gegend nicht mehr. Jetzt bin ich immer am Bahnhof Friedrichstraße.
Und wo bleiben Sie nachts?
Mal
hier, mal dort. Früher war ich manchmal in der Notunterkunft der
Stadtmission in der Lehrter Straße. Da ist es mir allerdings oft
unheimlich gewesen, weil dort sehr viele Menschen in einem Raum
übernachten. Einmal hat mich ein Typ die ganze Nacht angestarrt. Wie
soll man da schlafen? Etwas besser ist es in der Franklinstraße. Dort
gibt es Drei- und Vierbettzimmer. Manchmal bleibe ich auch bei
Freunden.
Herr Zywietz, was sind das für Menschen, die den Strassenfeger verkaufen?
Die
meisten Verkäufer sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Für einige ist das
schon ein richtiger Job. Einer kommt zum Beispiel regelmäßig Montag bis
Samstag immer morgens Punkt halb neun, nimmt jedes Mal 15 Zeitungen mit
und verkauft die auch. Leider ist es jedoch auch so, daß sehr viele
unserer Verkäufer Suchtprobleme haben. Die sagen sich oft: »Wenn ich
zehn Zeitungen verkaufe, kann ich damit meine Drogen finanzieren, die
mir helfen, die Nacht vernünftig zu überstehen«. Es sind auch Leute
dabei, die buchstäblich ohne Obdach sind und draußen pennen, unter
freiem Himmel.
Woran erkennen Sie, ob jemand wohnungslos ist?
Man
sieht, ob jemand keine Bleibe hat. An den Klamotten beispielsweise.
Aber auch wenn jemand mit einer riesigen Tasche und einem Schlafsack
auftaucht, kann man eins und eins zusammenzählen.
Olli, wie begegnen Ihnen die Leute beim Zeitungsverkauf?
Sehr unterschiedlich. Manche geben etwas Trinkgeld, andere übersehen mich und gehen einfach weiter.
Herr Zywietz, welche Erfahrungen haben Sie mit den Käufern des Strassenfeger gemacht?
Ich
kann Ollis Eindruck nur bestätigen. Bei manchen Straßenverkäufern läuft
es ganz gut. Die haben ihre Stammplätze vor Einkaufszentren und holen
bei mir täglich 30 Zeitungen ab. Andererseits reagieren viele Leute
auch genervt und schauen schon gar nicht mehr hoch, wenn ein
Obdachloser das Blatt anbietet. Viele Verkäufer müssen auch erst mal
zwei, drei Bier trinken, damit sie locker werden und sich trauen,
andere Menschen anzusprechen.
Olli, was glauben Sie, wie lange Sie noch auf der Straße Zeitungen verkaufen?
Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls so lange, bis ich alles auf die Reihe bekommen habe.
Was heißt »auf die Reihe bekommen«?
Na ja, bis ich eine eigene Wohnung und vielleicht irgendwann eine richtige Arbeit habe.
Marcus Zywietz sitzt zwei - bis dreimal pro Woche in einem kleinen
Wohnanhänger hinter dem Berliner Bahnhof Zoo. Der 37jährige verteilt
dort das Obdachlosenmagazin Strassenfeger an die Straßenverkäufer. Olli
lebt seit sieben Jahren vom Verkauf des Blattes.