Foto: Eckelt/Zander
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Das Öffnen und das Schließen einer Aufzugstür eröffnet jede "Sendung
mit dem Aufzug”. In der Verzögerung zwischen Auf und Zu, die zum
Einsteigen einlädt, ertönt die Begrüßung des Liftboys, der im Radio
unsichtbar bleiben muß, und meistens mit weiblicher Stimme spricht:
"Willkommen beim
strassenfeger-Radio.
Die Sendung mit dem Aufzug. Sendeverantwortung: Doktor Stefan Schneider
für den mob e.V.” Die Tür schließt sich, der Aufzug ist bis zum
Maximalgewicht aufgeladen. Die "Ton Steine Scherben" schmettern das
Motto des Programms: Allein, machen sie dich ein!
Der Liftboy
kam aus dem Nichts. Niemand hat auf den Knopf gedrückt. Die Etage
bleibt unbestimmt. Die Fahrgastkabine war leer, in der Zelle drängelte
sich nur die Abwesenheit, bis offene Arme die Gäste abholen. Im Schoß
ist unendlich Platz. Der Raum ist ein Geräusch. Der Fahrstuhl entfernt
sich nicht. Er fährt nicht los. Es bleibt offen, ob wir nach unten oder
oben fahren werden. Wo sind wir eingestiegen? Steigt der Aufzug bis zum
Mond auf? Fahren wir in die Chefetage, zu Gott? Oder bedeutet der
Aufzug einen Abstieg?
Ja, der Aufzug ist ein vertikales
Reisegerät. Und wir benutzen keinen Paternoster, der sich im Kreis
dreht und Anfang und Ende umkehrt, der schließlich alles auf den Kopf
stellt. Der Aufzug ist aber auch kein Vorhang. Die Tür schließt und
öffnet sich gleich zum Anfang. Das Ende der Sendung ist ein abruptes
abgeschaltet werden, ein Machtwort der Sendeabwicklung: Eure Zeit ist
um! Ist ja auch nur eine halbe Stunde, die wir in den Äther gesendet
verstreichen lassen. Der Aufzug kommt niemals an.
Vielleicht
bedeutet der Aufzug einen Umzug, ein Wechseln der Ebenen? Das Wort
Aufzug kann auch die Frage bedeuten: Wie läuft der denn rum? Wie sieht
der denn aus? Was haben die sich dabei gedacht? Der Aufzug träumt den
Wunsch nach einer Öffnung des Verschlossenen, des Schweigens, wobei das
Öffnen nichts enthüllt, bloßstellt. Die Offenheit dauert nur Sekunden,
die Begrüßung ist manchmal hastend.
Oder die Stimme spricht noch und die Tür ist schon zu.
Das
Gegenteil von Offen/Geschlossen ist An/Aus. Angeschaltet und
Abgeschaltet. Eingestellt und Ausgestellt. Strom geleitete Maschinen
und Roboter. Geschlossene Kreisläufe, in sich gekrümmt. Was wäre ein
offener Kreis? Eine Kurve? Ein Wachsen in das Offene. Ein Auswachsen
abgerissener Fäden. Ein dem Gefängnis Entwachsen. Unsere Sendungen sind
Auswüchse abgeschlossener Kindheit. Wir sind nicht schamlos. Ängste
verstellen unsere Stimme.
Doch, wir spielen mit der Angst.
Unsere Hörspiele sind der Unordnung entrissen, die uns noch während der
Sendung verwirrt. Das offene Konzept, das sich erst in der
Vergangenheit zuschließt, hält uns für Stimmungen wach. An die Sendung
soll ein Gefühl erinnern. Langeweile allerdings, sind wir nicht bereit
uns zu erlauben. Die Langeweile, die ja sogar besinnlich sein kann, ist
der uns verfolgende Dämon. Ihn fürchten wir, er ist die Verdichtung
aller Ängste. Seinen Anblick suchen wir zu bannen. Er ist der Quell
unseres schlechten Gewissens und der Selbstzweifel. Er ist die Fratze
der Vergeblichkeit.
Seltsam. Denn eigentlich vermissen wir
unsere Zuhörer. Das schwarze Loch unserer Bemühungen. Man hat uns
gesagt, wir müssen Hörerbindung betreiben. Aber für ein Gewinnspiel ist
uns die Zeit zu schade. Das offene Konzept inszeniert Zeit, dem
Rückwärtsspielen von Interviews habe ich entsagt, versprochen. Die
Offenheit ermöglicht die Verschwendung von Zeit. Da kann sich jeder
dran beteiligen.
Vielleicht wäre die beste Hörerbindung, wenn
uns niemand mehr zuhört, sondern wenn alle Zuhörer mit uns im Studio
eine Sendung zurichten. Denn das Verschwenden, das Verausgaben, das
Zeit verbringen, ist keine Vergeudung. Wir produzieren kein Sendeloch.
Wir inszenieren höchstens Stille. Das Inszenieren ist unsere
Wahrnehmung der Verantwortung, die wir dem OKB, dem Hörer, dem
strassenfeger gegenüber haben.
Die Radiogruppe trifft sich
Dienstags ab 19 Uhr zur Besprechung in der Prenzlauerallee 87. Neue,
kreative Mitstreiter werden gern gehört!
Holger