Wenn Obdachlose Selbsthilfe organisieren, kommt so einiges zusammen. Im Verein vereint sind dann so beieinander: Einige Jahre Knast, ein erkleckliches Vorstrafenregister, die ganze Palette bekannter Süchte, zerbrochene Ehen und Beziehungen, Prügel, Schläge und Gewalterfahrungen, Behinderungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen, private Schulden in mehrstelliger Höhe, Konkurse, Pleiten, Pech und Pannen, ein gutes Potential krimineller Energie und noch einiges mehr. Nicht, daß irgendjemand darauf stolz wäre und damit prahlen würde. Aber genug Gründe, sich nicht mehr richtig einsortieren zu können in die bürgerliche Welt. Am Rande zu stehen.
Wahrscheinlich dort zu bleiben. Positiv gesagt: Jede Menge Lebenserfahrung und eine Überzeugung im Sinne der Bremer Stadtmusikanten: Etwas besseres als das, was wir hinter uns haben, organisieren wir alle mal.
Womöglich ein historischer Glücksfall, daß ausgerechnet zu einer Zeit jene alte Idee der Vagabundenbewegung aus den 20er Jahren populär wurde, als die Zahl der Obdachlosen wieder rapide zunahm Mitte der 90er: Zeitung machen, nunmehr in der low-budget-Variante am eigenen PC. Die Zeitung, weit mehr als nur eine marktwirtschaftliche Variante des Bettelns, vielmehr ein "kollektiver Organisator" im Sinne Uljanows (Was tun? 1902), der die Vereinsform als Herausgeber nahelegt und damit zu finanzieller und demokratischer Transparenz zwingt. Zeitung als Medium und Strukturelement des Selbsthilfe- und Vernetzungsgedankens. Obdachlose und ehemals obdachlose, arme und behinderte Menschen als Verkäufer, Vertriebsmitarbeiter, Schreiber und Redakteure, Öffentlichkeitsarbeiter und Entscheidungsträger. Auch wenn viele (noch) nicht begriffen haben, was sie dort in den Händen halten, wenn sie die alte Leier herunterbeten: "Guten Tag, ich bin der Udo, und ich verkaufe hier ...", na, Sie wissen schon.
Da hat sich die PARITÄT aber Mitglieder (siehe oben) angelacht! Ein Haufen "Penner" eben (bzw. eine Gurkentruppe oder ein komplettes Chaosteam - je nach dem), die Leute vom Verein "mob - obdachlose machen mobil e.V.", die diese Zeitung strassenfeger, demnächst die strassenzeitung machen, herausgeben und verbreiten. Sieht man der Zeitung gar nicht an.
Wenn diesem Rundbrief die Strassenfeger-Ausgabe "Wohnopoly - Das ist unser Haus!" vom November 1998 beigelegt ist, dann aus drei Gründen:
Sie enthält auf den Seiten 11 - 22 den "Wegweiser der Kältehilfe 1998/99", erstellt in Zusammenarbeit mit der AG Leben mit Obdachlosen und enthält eine sehr umfangreiche, nahezu vollständige Auflistung aller relevanten Einrichtungen und Projekte in diesem Bereich - zur freundlichen Kenntnisnahme, zur Verwendung und mit der Bitte um Rückmeldung.
Zweitens: In den Zeiten der Diskussionen um Qualitätskontrolle und -sicherung ein Beitrag von Unten in Form der Kampagne: "Stiftung Wärmestubentest". Es sind die Nutzer, die häufig aufgrund ihrer Armut gar keine Chance mehr haben, darüber abzustimmen, ob ein Angebot was taugt oder nicht. Daran wollen wir was ändern, wohl wissend, daß wir uns damit nicht nur Freunde machen.
Last but not least
verstehen wir den PARITÄTISCHEN Grundgedanken
dahingehend, daß er auf dem Prinzip des gegenseitigen
Gebens und Nehmens beruht. In diesem Sinne verstehen wir
die Zeitung auch als ein Angebot an andere PARITÄTISCHE
Mitgliedsgruppen und Vereine, sich mit ihren Themen,
Anliegen und Projekten bei uns darzustellen. Natürlich
haben unsere Redakteure genug anderes zu tun, als auf
Beiträge zu warten, die da kommen könnten, ein gewisses
Beharrungsvermögen und ein ansprechender Stil ist schon
vonnöten, um eine ganze Seite in der Zeitung zu
ergattern. Aber wer möchte, kann auch Platz im
Strassenfeger kaufen - böse Zungen sprechen in diesem
Fall von einer Anzeige. Als ob wir davon nicht schon
genug hätten. Ganz nach dem Motto:
Armut läßt sich nur
mit Geld bekämpfen!
Stefan
Schneider
(RB 12/98)