Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ (Hannah Arendt)

Über Widerstand und Protest, ein Gespräch mit der Aktivistin Hanna Poddig

Hanna Poddig, 24, ist spätestens seit Erscheinen ihrer Selbstbeschreibung „Radikal mutig“ für ihre systemkritische Haltung bekannt. (1) Derzeit ist sie mit der Vorbereitung der Protestaktionen rund um … beschäftigt. Lou sprach für den strassenfeger mit ihr.

strassenfeger: Was machst Du gerade? Protestierst Du oder leistest Du Widerstand?
Hanna Poddig: Ich bin auf einem Treckerzug und habe nicht viel Zeit. Es handelt sich um eine Demo, eine klassische Form von Protest. Wir bleiben auf der symbolischen Ebene. Mir ist in der Regel lieber, wenn ich etwas tue, wo ich in Prozesse eingreife, störe, also Widerstand leiste.

sf: Der symbolische Protest findet aber am ehesten Verständnis bei den Bürgern?
H. P.: Das kann auch ganz anders sein. Wenn man zum Beispiel Unterschriften sammelt gegen den Anbau von Genpflanzen in einer Fußgängerzone, kommt einer und sagt: Da unterschreib' ich nicht, das nützt sowieso nichts. Wenn wir aber zu einer Feldbesetzung aufrufen, um die Aussaat von genmanipulierten Pflanzen zu verhindern, kann es sein, dass dieser Mensch begeistert mitmacht.
Für mich ist eine Unterscheidung von Protest und Widerstand grundsätzlich nicht so wichtig. Die kann zur Reflexion sinnvoll sein. In der Praxis ist eine Kombination von beidem sehr wertvoll. Der öffentliche Druck einer symbolischen Aktion kann durch Widerstand, durch das Konzept der direkten Aktion, verstärkt werden. Nur: Protest allein ist nicht effektiv. Wer wirklich eine Veränderung erreichen will - „Veränderungen werden nicht erbettelt, sondern erkämpft!“ - der wird früher oder später Widerstand leisten. - Mir persönlich macht Widerstand auch mehr Spaß. Da ist das Ergebnis offensichtlicher. Natürlich sind Argumente auch wichtig. Aber nicht, um „die da oben“ zu überreden, sondern um mehr Leute davon zu überzeugen mitzumachen, letztendlich Widerstand zu leisten. - Und gerade hier im Wendland applaudieren mir bürgerliche Menschen bei Aktionen, wo sich anderswo die Normalos drüber ärgern.

sf: Wie erklärst Du das?
H. P.: Die Bürger hier bekommen seit Jahrzehnten die Staatsmacht zu spüren. Das verändert auf die Dauer. Menschen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, halten den Staat für eine vernunftbegabte Organisation, die letztlich das Gute, das Allgemeinwohl, will. Die Leute im Wendland erleben etwas anderes.

sf: Warum sind nur so wenige Menschen politisch aktiv?
H. P.: Ich glaube, dass, wenn Leute anfangen darüber nachzudenken, was alles verändert werden müsste – dass es nicht reicht, grünen Strom zu kaufen, sondern dass sie nicht mehr so viel Auto fahren dürften, dass sie ihren Job aufgeben müssten, dass sie ihre zwei Flug-Urlaubsreisen im Jahr infrage stellen müssten, dann ist ihnen das alles zu viel. Da erscheint eine Veränderung nicht handhabbar. Aber ganz viele Leute machen etwas, wenn sie sehen, dass kleine Schritte schon ein Schritt in die richtige Richtung sind.

sf: Warum gibt es, obwohl es so viele Betroffene gibt, so wenig Menschen, die zum Beispiel an Montagsdemos teilnehmen?
H. P.: Ich glaube, dass Protest und Widerstand dann Leute anzieht, wenn er attraktiv ist. Montagsdemos, wo ein paar kommunistische Splittergruppen rumspringen, sind schwer vermittelbar. Da fehlt die Kreativität, da ist alles Routine. Ich würde da auch nicht hingehen.

Das ist auch meine Kritik an Campact. (2) Die machen viel zu selten konkrete Aktionen. Campact befördert das Delegieren von politischem Engagement. Der Protest wird reduziert auf ein Anklicken beim Surfen und eine Spende zum Erhalt von Arbeitsplätzen bei den Campaignern, Webmastern und anderen Festangestellten, die dem Surfer ein gutes Gewissen machen soll. Wenn Campact aktiv wird, dann ist alles voll durchgeplant. Die Mitmachenden bekommen alles fertig geliefert. Es gibt keine Handlungsoptionen, wodurch die Aktionen berechenbar und die Leute auf Füllmaterial in Fernsehbildern reduziert werden.

sf: Wie war Deine letzte Begegnung mit der Polizei?
H. P.: Das war gerade diese Woche. Wir haben in Gorleben vom Transport des zweiten Transformators für das AKW Krümmel erfahren. (3) Um Krümmel herum ist das höchste Leukämiekluster weltweit nachgewiesen. Dort gab es vermutlich im Herbst 1986 im Forschungsreaktor der GKSS einen Brand, laut Augenzeugenberichten. Die Einsatzprotokolle der örtlichen Feuerwehr sind bei einem Brand im Feuerwehrhaus vernichtet worden, und nur die! Darüber gibt es eine interessante, sehenswerte ZDF-Dokumentation.

Wir sind jedenfalls sofort hingefahren. Aber mehr als aus den Autos aussteigen und die Straße lang gehen war nicht. Da kam „Halt, Personenkontrolle!“ von Zivis. Die haben alle Personen sofort in Gewahrsam genommen mit der Behauptung, wir hätten gegen Platzverweise verstoßen. Das hat nicht gestimmt. Das ist die Situationswillkür, die sich die erlauben. - Einer hat Pfefferspray ins Auto gesprayt, in dem wir festgehalten wurden. Direkt ins Gesicht einer Person, was schlimm war. Wir mussten über eine Stunde auf einen Arzt warten, noch länger, bis wir uns waschen konnten, die Augen auswaschen! Auch wurde uns das Telefonieren verboten, obwohl das zu den Grundrechten gehört.

sf: Wie gehst Du damit um?
H. P.: Also, ich rechne nicht damit, dass die sich an ihre eigenen Gesetze halten. Die Polizei ist der Handlanger der Mächtigen. Ich finde, dass Atomkraft nur durchsetzbar ist, weil sie durchgeprügelt wird. Weil es uniformierte Staatsdiener gibt, Leute, die ihr Gewissen ablegen und dafür eine Uniform anziehen.

Die ersten Male war das Eingesperrtsein fürchterlich. Aber diesmal ist es mir gelungen, in meiner Rolle zu bleiben. Das heißt: enttarnen, entlarven, nerven, analysieren. Den Uniformierten zu sagen, dass sie nur Befehle ausführen. - Ich wurde dann zum Beispiel gefragt, ob ich mich freiwillig ausziehe oder ob sie „Gewalt anwenden“ müssten. Da habe ich ihnen erklärt, dass die Sprache Gewalt ist und sie mir keine Wahl lassen. Aber sie hätten die Wahl, weil sie mich gehen lassen könnten. Meistens fällt denen dann nichts mehr ein. Diesmal haben sie mich für eine Jurastudentin gehalten (Sie lacht.) und waren froh, als sie mich wieder los waren!

Aber ich kenne auch Menschen, die eine solche Erfahrung total traumatisiert.
Es ist jedoch möglich, den Umgang mit solchen Situationen zu üben. Ich biete Trainings an. Workshops zu Aktionsformen inhaltlicher Art, aber eben auch zum Umgang mit Repressionen, zu Polizeikontakt, Gerichtsprozessen. Da gibt es Rollenspiele, die auf die Gerichtssituation vorbereiten.

sf: Ziehst Du Vergleiche mit der Vergangenheit?
H. P.: Es lässt sich bis zu einem gewissen Grad aus den Widerstandsgeschichten aus anderer Zeit lernen. Doch vieles ist heute anders. Die Kritik an der Herrschaft als Konzept ist ja schon alt. Dazu haben viele kluge Köpfe schlaue Sachen gesagt.

sf: Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!

(1) „Radikal mutig“ von Hanna Poddig, Berlin 2009
(2) Campact: ein auf dem Internet basierendes Forum, mit dem Protest-E-Mails und Protestanrufe nicht vereinzelt, sondern gebündelt an politische Entscheidungsträger gerichtet werden können
(3) siehe in „Radikal mutig“: Blockade des Transports des ersten Transformators


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