Foto: Jutta H.
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Ein neuer Dialekt, der sich unter Sprechern unterschiedlicher Herkunft, im Kontakt verschiedener Ethnien (einschließlich der deutschen) entwickelt, nennt man „Multiethnolekt“. Am „Institut für Germanistik der Universität Potsdam“ wird ein solcher Dialekt erforscht: das Kiezdeutsche. Fälschlich (und diskriminierend) manchmal auch als „Türksprech“ bezeichnet, entstand dieser Dialekt seit etwa Mitte der 1990er als urbane Jugendsprache in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil und damit mit einem hohen Anteil mehrsprachiger Jugendlicher. Für den strassenfeger hat Dr. Dan-Christian Ghattas darüber mit Frau Prof. Dr. Heike Wiese gesprochen. Sie hat nach Zwischenstationen wie der Yale University, der Humboldt-Universität und einem Feodor-Lynen-Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung seit 2006 die Professur für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam inne und ist u.a. Sprecherin des neugegründeten Zentrums „Sprache, Variation und Migration“.strassenfeger: Kiezdeutsch wird häufig abwertend als „Türksprech“ bezeichnet. Wer spricht diese Sprache?Prof. Heike Wiese: Kiezdeutsch hat sich als Jugendsprache in Wohngebieten entwickelt, in denen viele Jugendliche mehrere Sprachen sprechen, zum Beispiel in Berlin-Kreuzberg. Es wird dort von Jugendlichen deutscher und nicht-deutscher Herkunft gleichermaßen gesprochen, ist also nicht zum Beispiel daran gebunden, dass die Großeltern einmal aus der Türkei eingewandert sind.
sf: Was ist aus linguistischer Sicht an so einer Sprache interessant?H. W.: Kiezdeutsch ist ein neuer Dialekt des Deutschen, der – wie alle Dialekte – vom Standarddeutschen abweicht, aber hierbei besonders viele interessante neue grammatische Strukturen entwickelt, weil Kiezdeutsch durch den mehrsprachigen Kontext ein besonders dynamischer Dialekt ist. Durch Kiezdeutsch können wir viel über das Deutsche und sein grammatisches System lernen.
sf: Wie gehen Sie bei der Untersuchung dieser Sprache vor?H. W.: Wir untersuchen die Grammatik von Sprache in spontanen, natürlichen Gesprächen unter Jugendlichen. Dafür geben wir ihnen Aufnahmegeräte mit und bitten sie, sich selbst im Gespräch mit Freunden nachmittags aufzunehmen. Nur so bekommen wir Daten zu Kiezdeutsch: Im Interview mit uns würde das nicht funktionieren, weil Kiezdeutsch eine Jugendsprache ist und die Jugendlichen mit uns das nicht sprechen (sondern eher Standarddeutsch). Außerdem bitten wir Jugendliche in sogenannten „Akzeptabilitätstests“, konkrete Sätze zu beurteilen, also zu sagen, ob sie so sprechen würden oder ob das merkwürdig klingt, und überprüfen so unsere Annahmen zur Grammatik von Kiezdeutsch.
sf: Schauen Sie auch, aus welchen Lebensfeldern Menschen kommen, die diese Sprache sprechen? Wann wird Kietzdeutsch gesprochen, gibt es Situationen und soziale Räume, für die es reserviert ist?H. W.: Für die grammatische Untersuchung ist die Mehrsprachigkeit von Jugendlichen ein interessanter Bereich für uns. Für andere Untersuchungen, zum Beispiel zu Einstellungen gegenüber Sprache, gegenüber Dialekten im Allgemeinen und Kiezdeutsch im Besonderen, spielen soziale Faktoren oft eine Rolle. Z. B. werden Dialekte immer dann besonders negativ bewertet, wenn sie von Sprechern niedriger sozialer Schichten gesprochen werden – zum Beispiel Arbeiterklasse-Dialekte –, und dasselbe beobachten wir leider auch gegenüber Kiezdeutsch. Als Jugendsprache wird Kiezdeutsch in Gruppen Gleichaltriger gesprochen, also normalerweise nicht gegenüber Eltern, Lehrern usw.
sf: Kann man das Kietzdeutsche mit einer Art Geheimsprache vergleichen? Man versteht es ja zwar, aber die die es sprechen, bilden schon so etwas wie einen exklusiven Kreis, oder?H. W.: Dadurch, dass es alle verstehen, ist Kiezdeutsch natürlich keine Geheimsprache, dafür ist es zu nah an der deutschen Standardsprache. Aber grundsätzlich dienen alle Sprachvarianten, Stile, Dialekte etc. auch immer zu Identifikation, das heißt, sie zeigen Zugehörigkeit an. Im Fall von Jugendsprachen ist die Altersgruppe wichtig.
sf: Wie kommen Sie an die Projektteilnehmer bzw. woher stammt Ihr Untersuchungsmaterial?H. W.: Wir befragen Jugendliche aus Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil, zum Beispiel Berlin-Kreuzberg, und vergleichen deren Sprachgebrauch auch mit Wohngebieten, die nur einen geringen Migrantenanteil haben, aber ansonsten recht ähnlich sind, zum Beispiel Berlin-Hellersdorf.
sf: Welche Kriterien müssen Interviewpartner erfüllen? H. W.: Sie sollten in mehrsprachigen, multiethnischen Wohngebieten leben und von der Altersgruppe her in den Bereich „Jugendsprache“ fallen. Weitere Kriterien gibt es nicht, das heißt, wir haben zum Beispiel festgestellt, dass es keine Unterschiede im Gebrauch von Kiezdeutsch bei Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft (einschließlich deutscher Herkunft) gibt.
sf: Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Sprechen mehr Mädchen oder mehr Jungs das Kiezdeutsche oder bilden sich innerhalb des Kiezdeutschen geschlechtsspezifische Sprachformen aus?H. W.: Nein. Kiezdeutsch ist einfach eine Jugendsprache.
sf: Wieviele Kinder, die nur mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, sprechen Kietzdeutsch?H. W.: Ich würde davon ausgehen, dass Jugendliche, die in multiethnischen Wohngebieten wohnen und Freunde haben, mit denen sie sich treffen und mit denen sie sprechen – also alle normalen Jugendlichen –, auch Kiezdeutsch sprechen, egal ob sie nur eine oder mehrere Erstsprachen haben. Wir wohnen selbst in Kreuzberg, und meine Töchter, die noch im Kita-Alter sind, haben schon einige neue Fremdwörter gelernt, die ich auch aus dem Kiezdeutschen kenne.
sf: Können die Ergebnisse Ihrer Forschungen Eingang in die Integrations- und Antidiskriminierungsarbeit finden?H. W.: Ich hoffe, dass wir mit unserer Arbeit dazu beitragen können, Vorbehalte und Vorurteile abzubauen, die es gegenüber Kiezdeutsch, aber zum Teil auch gegenüber Dialekten generell gibt. Viele glauben immer noch, durch einen neuen Dialekt wie Kiezdeutsch würde „das Deutsche“ bedroht oder der Gebrauch von Kiezdeutsch weise auf mangelnde Integration hin. Für solche Ansichten gibt es keine sachliche Grundlage; sie können aber viel Schaden anrichten, wenn sie zu Vorurteilen gegenüber Jugendlichen führen, die Kiezdeutsch gebrauchen, und damit zur Ausgrenzung von Teilen einer ganzen Generation, die wir uns als Gesellschaft nicht leisten können.
sf: Gibt es Ergebnisse, die Sie überrascht oder Forschungsfragen, die sich erst während der Arbeit plötzlich neu ergeben haben?H. W.: Wir haben bei der Arbeit viele neue grammatische Strukturen gefunden, viele Entwicklungen, die ein neues Licht auf ähnliche Prozesse in anderen Dialekten oder im Standarddeutschen geworfen haben, und viele sprachliche Phänomene, die uns erst ganz willkürlich vorkamen und sich dann bei genauerer Analyse als systematische neue Muster entpuppt haben.
sf: Sie sind gerade dabei, ein neues Zentrum für Migration und Sprachvariation zu gründen. Was kann ich mir darunter vorstellen?H. W.: Das Zentrum „Sprache, Variation und Migration“ besteht seit 2009 am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Wir forschen hier zu interdisziplinären Themen aus dem Bereich Sprachvariation und Migration und bieten ein umfangreiches Betreuungsprogramm für Studierende an, die dies zu einem inhaltlichen Schwerpunkt ihres Germanistikstudiums machen wollen und so für ihre spätere berufliche Laufbahn eine Zusatzqualifikation in einem Bereich von hoher gesellschaftlicher Bedeutung erwerben.
Beispiele: „Du musst zum Frisör!“ = „Musstu Frisör!“„Du gehst bei Rot über die Straße.“ = „Machst du rote Ampel!“„Morgen geh ich Kino.“„Ischwör Alter, war so.“ „Mein Vater geht Moschee mit Lederhose.“