Mob e.V. – Obdachlose machen mobil

Kein Kavaliersdelikt

Mein (Vor-)Leben als Schwarzfahrer

In der Redaktionssitzung, in der ich zugesagt hatte, über Schwarzfahrer zu schreiben, erklärte eine junge Frau, Schwarzfahren sei kein Kavaliersdelikt. Sie sollte Recht behalten.

Ich war Schwarzfahrer, zuerst in Ostberlin, wo der Fahrpreis eher symbolisch war, und nach der einmaligen Fahrt von Berlin nach Berlin auch im alten Westberlin. Als Mensch, der das legendäre Jahr 1968 als Jugendlicher erlebt hat, auch Jahre später Sympathie sowohl für Dubček, Kriegel ... als auch für Rudi Dutschke & Co. nie verleugnet hat, konnte ich nicht einsehen, für solch wichtige Angelegenheit wie öffentlichen Nahverkehr auch nur einen Pfennig berappen zu müssen. Dabei bin ich natürlich erwischt worden, schon zu Westberliner Zeiten. Vor der Wende wurden die Fahrscheine ausschließlich von Mitarbeitern der BVG kontrolliert und die waren an ihren Uniformen schon von weitem zu erkennen. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, meinen, ich hätte mich wie so viele andere vor der Zahlung gedrückt, muss ich Sie eines Besseren belehren: Ich fand es unter meiner Würde, mich von den Uniformen beeinflussen zu lassen. Die Kontrolleure bekamen ihr erhöhtes Beförderungsentgeld und ich fuhr weiter. Ich hatte einmal Bilanz gezogen und festgestellt, dass ich weder gespart noch draufgezahlt hatte.

Das änderte sich, als ich meine Wohnung verlassen hatte und ich Rutsche gemacht hatte, also nachts möglichst weite Strecken gefahren bin. Fahrkarte? Bei einem mittellosen Menschen ohne Wohnung verbietet sich fast die Frage. Natürlich wurde ich erwischt, was mir damals, ehrlich gesagt, egal war.  Auch später, als ich im Winter die Nachtcafés zum Übernachten nutzte, bin ich ohne gültigen Fahrausweis gefahren. Heute Nacht in Neukölln, morgen in Charlottenburg, dann in Kreuzberg und zwischendurch immer wieder Mittagsmahlzeit in Pankow, ich war und bin einfach wie viele andere Menschen ohne Wohnung auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Selbst dann, wenn ein mittelloser Mensch ohne Wohnung Leistungen beziehen will, ist er zum Fahren ohne gültige Fahrkarte gezwungen. Ehe die JobCenter das erste Mal zahlen, dauert das einige Wochen. Dazu kommt eine Odyssee von Amt zu Amt. Selbst wenn das JobCenter zahlt, ist längst nicht alles paletti. Wie oft wurden Leistungen gekürzt?

Die offizielle Statistik der Arbeitsagentur hat hier steigende Tendenz. Und viele Menschen kommen mit dem Geld nicht aus, selbst wenn die Leistung nicht gekürzt wird. Trotzdem sind Termine wahrzunehmen. Ich sage das mit dem Blick auf das Strafrecht. Im Strafgesetzbuch wurde der § 265 a eingeführt, "Erschleichung einer Dienstleistung". Ein Beispiel soll demonstrieren, welche Folgen die Justiz hier haben kann. Ein nicht ganz junger Mann, den ich jahrelang immer wieder in Nachtcafés treffen konnte, tauchte vor wenigen Jahren dort nicht mehr auf. Er hatte dank Unterstützung von professionellen Sozialarbeitern eine Wohnung gefunden. Die war er aber schnell wieder los: Irgendein Staatsanwalt hatte alle möglichen und unmöglichen Vergehen unseres Mannes gegen § 265 a ausgegraben und am Ende ist unser Mann verknackt worden. Ich habe ihn dann, Sie werden es ahnen, in Nachtcafés wieder getroffen. Wenn Ihnen das nicht reicht, ich habe noch ein Beispiel. Daniela Marten berichtete am 3. Dezember vorigen Jahres aus dem Kontaktladen für Straßenjugendliche klik im Tagesspiegel ("Viel bieten, nichts verlangen") von Jugendlichen, die ihre Strafe dort abarbeiten dürfen. Das wäre hier nicht des Erwähnens wert gewesen, wenn da nicht zu lesen wäre, dass viele dieser Jugendlichen bei der Fahrt zum Einsatzort neue "Tickets" einfangen.

An dieser Stelle sei gesagt, dass jeder Richter es schwer haben würde, mir in dieser Angelegenheit ein schlechtes Gewissen einzureden. Wenn ich dennoch seit Jahren nicht mehr schwarzfahre, dann ist das weniger der Strafandrohung zu danken, sondern vielmehr einer begüterten Frau, die mir eine Monatskarte sponsert.

Kavaliere, also Söhne adliger Herren, wurden für viele Übertretungen nicht zur Rechenschaft gezogen. Solch ein Kavaliersdelikt war das Schwängern der Magd. Insofern ist der Bankenskandal solch ein Kavaliersdelikt. Die Tageszeitungen meldeten im April dieses Jahres das Platzen des Prozesses gegen Landowsky und andere Banker. So wie die Magd die Folgen zu tragen hatte, tragen ja die Bedürftigen die Folgen des Bankenskandals. Das trifft auf’s Schwarzfahren nicht zu. Wirklich kein Kavaliersdelikt.
Jan Markowsky

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